DAS FÜRSTENLAGER IN BENSHEIM-AUERBACH

Sommerresidenz der Landgrafen und Großherzöge von Hessen-Darmstadt bis 1918

Einige von euch werden jetzt denken: „Och nö, das Fürstenlager! Schon hundert Mal gesehen…“ Kann sein, aber habt ihr es auch wirklich besucht oder seid ihr nur durchgelaufen und habt gedacht: „Schöne Gebäude und wirklich viele Bäume!“
Wenn euch das reicht: kein Problem. Nicht jeder ist ein Geschichts- und Architektur-Freak.
Hier die Kurzinfo: ganzjährig geöffnet, freier Eintritt.
Anfahrt über die Bachgasse in 64625 Bensheim-Auerbach. Parkt aber bitte, wenn möglich an der B3, am Parkplatz Hotel Krone oder am Bahnhof von Auerbach und lauft die restliche kurze Strecke, denn die Bachgasse ersäuft wirklich in parkenden Autos von Besuchern. Besonders am Wochenende.

Wenn ihr Interesse an mehr Informationen und der ganzen Geschichte des Fürstenlagers habt, dann geht es hier weiter…

DAS BAD UND DIE DÖRFLICHE ANLAGE
Während der ersten 100 Jahre ein Kurbad, ist es erst seit dem 19. Jahrhundert als Fürstenlager bekannt.

In den 1730er Jahren wurde mineralisches Wasser auf dem Gelände entdeckt und reger Badebetrieb setzte ein. Bald gelangte durch die überregionalen Besucherströme die Nachricht über die angeblich heilenden Kräfte des Auerbacher Wassers bis an den landgräflichen Hof nach Darmstadt vor. Jedoch verschlämmte der provisorisch gefasste Brunnen im Jahr 1740 immer wieder. Durch den Siebenjährigen Krieg gab es auch keine Mittel mehr, um die Quelle wieder zugänglich zu machen. Erst 1766 durch den landgräflichen Baudirektor wurde der Brunnen wieder repariert und erhielt seine heutige Form unter dem Namen Gesundbrunnen. Sofort setzte wieder der Bäderbetrieb ein. Erstmals kam im Jahr 1767 der Landgraf selbst zur Kur ins Auerbacher Bad, was den Ruf des Bades förderte und zur Errichtung erster dauerhafter Gebäude führte. Bald entdeckte man auch in Hochstädten weitere Mineralquellen, die bis heute im Goethebrunnen gefasst sind.

Seine Blütezeit erlebte das Fürstenlager ab 1783 unter Landgraf Ludwig und seiner Gattin Luise. Der Erbprinz kurierte hier nach mehrwöchiger Kur eine Krankheit und das Ehepaar spendete aus Dankbarkeit an die Auerbacher Kirche und trieb ebenfalls den Ausbau des Parks durch Landerwerb von Auerbacher Bauern voran. Fortan wurden hier regelmäßig die Sommermonate des Darmstädter Hofstaates verbracht.

Bis auf den Pisébau (1810/11), der heute Fremdenbau genannt wird, wurden alle Gebäude bis 1795 errichtet und mit der Anlage des Parks begonnen, der anfangs vorwiegend aus Alleen und landwirtschaftlichen Nutzflächen bestand. Da das Landgrafenpaar mit seinem Hofstaat die Sommerfrische in der dörflichen Idylle als einfaches Leben auf dem Land genießen wollte, traten die Badekuren bald in den Hintergrund. Man errichtete Freizeitanlagen wie eine Kegelbahn und einen Schießstand zur Zerstreuung. Außerdem benötigte man Köche, Konditoren und Lakaien für Wäsche, Geschirr und Licht. Auch Gästewohnungen wurden bereitgestellt und für größere Gesellschaften Zimmer im Hotelbetrieb Krone angemietet. Glückspiel und Gaukler wurden im Jahr 1818 verboten, um die Ruhe nicht zu stören und zwielichtige Besucher fernzuhalten.

Am 24. Oktober 1829 starb Großherzogin Luise im Fürstenlager, ein halbes Jahr später ihr Mann Großherzog Ludwig I. Damit endete auch die große Zeit des Fürstenlagers.

Nachfolger Großherzog Ludwig II. residierte nur selten im Fürstenlager, das fortan gerne von Hofbeamten und einflussreichen Darmstädter Familien zur Sommerfrische genutzt wurde. Hier erlebte es in den 1860er und 1870er Jahren nochmals eine Hochphase. Besonders das Heilwasser, die gute Luft und das Flanieren in der schönen Parkanlage erfreute sich großer Beliebtheit.

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DIE PARKANLAGE
Bereits im Jahr 1768 gab es erste Skizzen zum Ausbau des Auerbacher Gesundbrunnens zu einem repräsentativen Bad, ausgeführt von Johann Jakob Hill und Phillip Mann. Geplant war ein symmetrisch angeordneter Ehrenhof mit sehr rigider, strenger Form der Alleen und Beete und dem Gesundbrunnen im Mittelpunkt, ganz nach absolutistischem Stil. Die hügelige Topografie hätte diese Planung allerdings sehr schwierig bis unmöglich in der Ausführung gemacht. Dennoch begann man direkt mit der Begradigung des Tales und der Planierung der Wege, auch um dem Hofstaat den Zugang leichter zu machen.

Außerdem wurde der tiefer gelegene Brunnen (Nr. 16 im Plan) in seiner heutigen Gestalt mit Sandsteineinfassung, Treppe und ovalem Tisch für Ablage der Trinkgefäße angelegt. Im Jahr 1783 mit Ankunft des Erbprinzenpaares Ludwig und Luise begannen die Arbeiten zur Gestaltung der Garten- und Parkanlagen.

Luise veranlasste als erstes den Bau des Freundschaftsaltars (40) auf der Kuppe des Südhanges, in heutiger direkter Nachbarschaft des Teehauses und mit herrlichem Blick über Bensheim und die Rheinebene.
Baumsaalartige Alleen (1) entlang der Wege von Auerbach wurden als nächstes angelegt und dienten der natürlichen Beschattung. Eintretende Erosionsschäden durch Abrutschen der Steilhänge wurde durch gezielte Aufforstung frühzeitig entgegen gewirkt.

Bis 1790 wurden weitere Häuser und Gedenksteine sowie das Teehäuschen am Altarberg (41) für nachmittägliche Teezeremonien errichtet. Außerdem die Jawandsburg (22) nahe der Herrenwiese, die nicht mehr existiert, sowie die Russische Kapelle (37) am Altarberg, die ebenfalls später abgerissen werden musste.

Am steilen Nordhang hinter dem Herrenhaus, dem Champignonberg, wurden auf drei Terrassen runde Steintische (29) aufgestellt für adelige Picknick-Gesellschaften und eine Grotte (30) in den dahinterliegenden Wald gebaut.

Sie war ursprünglich innen mit leuchtenden Kristallen geschmückt, was eine überaus geheimnisvolle Wirkung hatte.

Der Weg zieht sich weiter an der nördlichen Höhenlage des Parks über das vasenförmige Luisendenkmal (31), das Luise 1786 für ihre beiden verstorbenen Schwestern Friederike und Charlotte errichten ließ bis hin zu den Neun Aussichten (32) mit markanten Blickschneisen Richtung Krehberg, Schönberger Kirche, Schloß Schönberg, Starkenburg, Auerbach, Rheinebene, Schloß Auerbach, Melibokus, Felsberg.

Mit dem Bau der in Rindenholz gekleideten Eremitage (34) wurde der nordöstliche Teil des englischen Landschaftsparks für Spaziergänge erschlossen und diente dem Rückzug nach Vorbild der Einsiedler.

Die einzelnen, losen Baumgruppen, Gebäude und Gedenksteine sollten nun abschließend durch ein übergeordnetes, architektonisches Konzept in die Umgebung eingeordnet und mit ihr verbunden werden. Dafür wurden einige in Privatbesitz befindliche Grundstücke umliegender Bauern erworben.

Ab 1790 wurden die Gebäude um den Gesundbrunnen zu einem dorfartigen Ensemble erweitert. Das Herrenhaus (17) war das größte und als einziges zweigeschossig angelegte Gebäude, betont durch einen Balkon in der Mitte. Dahinter befindet sich der Kammerbau (18) als Wohnung für die Dienerschaft, in unmittelbarer Nähe zum Landgraf und seiner Familie zur ständigen Verfügung. Damen- und Prinzenbau (13 und 14), die Wohnung des Brunnenverwalters (12) und ein Stall (6) kamen hinzu.

Der Hofgärtner Carl Ludwig Geiger legte 1792 erste Pläne zur Gestaltung des Parks vor. Hauptschwierigkeit bestand in der Topografie des schmalen, langen Tales begrenzt von steilen Hängen. Durch die Ost-West-Ausrichtung des Tales waren die Hänge entweder sonnig und trocken oder schattig und feucht und mussten dementsprechend befestigt und bepflanzt werden. Dazwischen noch die aufwändigen Schmuckpartien in Tallage oder auf den Kuppen der Hänge.

Alle Bereiche sind durch Alleen und Blickachsen miteinander verbunden. So kann man als Spaziergänger alle Schmuckplätze und Gebäude in Rundgängen bequem erreichen, umgeben von Wiesen, Wäldern, Äckern und Weinbergen. Man bezieht damit alle wesentlichen, natürlichen Gestaltungsmerkmale der Bergsträßer Kulturlandschaft in die Gestaltung ein. Daher hat das Fürstenlager in keinem Bereich eine künstliche oder fremdkörperhafte Anmutung.

Um 1800 spielte man mit dem Gedanken, ein schlossartiges Gebäude auf der Herrenwiese zu errichten. Man entschied sich allerdings, die schlichte, dorfartige Struktur beizubehalten. Einzig der Pisébau (Fremdenbau) (5) wurde 1810/11 am Entenweiher hinzugefügt.

Feuchtigkeit in den Gebäuden im Tal war aufgrund fehlender Unterkellerung ein häufiger Anlass für Bauschäden und anschließenden Renovierungsarbeiten. Sogar ein Abriss und Neubau sämtlicher Gebäude wurde in Erwägung gezogen, aber nur die Russische Kapelle wurde 1824 abgerissen. Im gleichen Jahr ließen dafür die Prinzen Ludwig und Emil den Freundschaftstempel (21) für ihre Mutter Luise am höchsten Punkt der Herrenwiese errichten.

Eine Besonderheit des Parks sind die außergewöhnlichen nordamerikanischen und japanischen Solitärgehölze und Bäume, wie Mammutbäume, Ahorn oder Gingko, die rund um die Herrenwiese ab 1865 gepflanzt wurden. Auch die Obstplantagen (33) mit Apfel- und Birnbäumen entlang der Allee in Richtung Schönberg sind charakteristisch. Sie brachten gute Erträge durch Verkauf der Früchte und der Jungbäume.

Aber auch für die Versorgung des Hofstaates wurden Lebensmittel benötigt wie Milch, Brot, Fleisch, Obst und Gemüse. Hierzu wurde ein kleines, komplexes landwirtschaftliches System erhalten mit Tieren, Garten- und Ackerflächen. Vermutlich diente auch der Entenweiher (4) ursprünglich der Forellenzucht. Kühe, Ochsen, Pferde und Hühner waren in den Stallgebäuden (6) untergebracht.

Nach 1918 ging der Park mit seinen Gebäuden in den Besitz des Volksstaates Hessen, nach dem zweiten Weltkrieg Land Hessen, über und wurde forstwirtschaftlich genutzt, was einen deutlichen Schwund der Artenvielfalt zur Folge hatte. Auch die Jawandsburg, die wie die Eremitage in Rindenholz gekleidet war, und das Teehaus am Altarberg wurden baufällig und mussten abgerissen werden.

Seit 1953 ist die Anlage unter Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten und wird seit den 1980er Jahren sukzessive behutsam restauriert. Ziel ist es seither, die noch im Untergrund befindlichen ursprünglichen Schmuckplätze, Wegeführungen und Geländemodellierungen wieder herzustellen und so die Anlage im Zustand des frühen 19. Jahrhunderts zu erhalten.

Das Fürstenlager symbolisierte die idealisierte Form der ländlichen Idylle für Ludwig und Luise, um sie am bäuerlichen, einfachen Leben auf dem Land teilhaben zu lassen und den höfischen Zwängen im Sommer zu entfliehen. Gartenkunst und Landwirtschaft in wunderschöner Lage vereint, erfreuen uns bis heute.

Alle Fotos stammen von mir. Kopie und Nutzung sind ohne vorherige, schriftliche Genehmigung nicht erlaubt.

2 Antworten auf „DAS FÜRSTENLAGER IN BENSHEIM-AUERBACH“

  1. Hallo Alexandra,

    ich freue mich sehr, Deinen Blog gefunden zu haben. Der erste Blog von und über die Bergstraße, super! Ich wünsche Dir viel Spaß und Erfolg hierbei!

    Schöner Bericht und wirklich tolle Bilder, hier vom Fürstenlager – Sogar zu unterschiedlichen Jahreszeiten, beeindruckend!

    Viele Grüße
    Michael

    1. Hallo Michael,
      vielen Dank für Dein positives Feedback! Freut mich wirklich sehr, daß Dir der Blog gefällt.
      Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß auf der Seite und hoffe, daß auch in Zukunft Beiträge dabei sind, die Dich informieren und inspirieren.
      Viele Grüße
      Alexandra

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